Home arrow Gedanken zur Zeit arrow Altweibersommer
Altweibersommer

Altweibersommer
Mit Weisheit, Witz und Widerstand spinnen Frauen an ihren Projekten, wirken mit am Gewebe der Welt.

Das Laub verfärbt sich, letzte warme Sonnentage, Fäden ziehen durch die Luft. Von jungen Spinnen rühren sie her, von Feen oder Engeln und überall auf der Welt wurden sie in Zusammenhang gebracht mit spinnenden Göttinnen oder mit Maria, die mit 11'000 Jungfrauen im Herbst herumzieht, das Land mit Seide überspinnt.

Im Altweibersommer begann früher die Spinnzeit. Spinnen und Weben: die alten alchemistischen Künste mit Materie umzugehen, die meditativen Tätigkeiten, die Zugang schaffen zum Wissen hinter den Dingen - das Handwerk, das während Jahrtausenden ausschliesslich Frauen vorbehalten war, ihnen eine tragende Funktion in Familie und Gesellschaft gab. Die Zeiten haben sich gründlich verändert seither, doch das Spinnen haben heutige Frauen nicht verlernt. Immer noch ist es eine Arbeit, die die Welt und ihre Gegensätze zusammenhält.

Mit Weisheit, Witz und Widerstand spinnen Frauen an ihren Projekten, wirken mit am Gewebe der Welt. Altweibersommer - auch "Witwensömmerle" wird er genannt. Es ist die besondere Zeit der älteren Frauen, die die Kraft ihres Wissens und ihrer Lebenserfahrung erkennen und bündeln, ihre Macht neu definieren.

Geschenkte Tage können es sein, kostbare Stunden - warm, nährend und bunt. Es gilt, jeden Moment voll auszuschöpfen, denn unausweichlich nähert sich die Dunkelheit, die Alte Göttin. Und mit ihr Erfahrungen des Loslassens, Abschiednehmens, Sterbens. Altweibersommer: Zeit, innezuhalten und den Winterplatz vorzubereiten.

Zeit, sich auf die Stille und Verborgenheit einzustimmen und alles zusammenzurufen, was uns in die dunkle Phase des Jahres begleiten soll: Freundinnen und Ahninnen, Verbündete aus dem Pflanzenreich, Krafttiere, Kraftgegenstände und Geschichten von wilden und weisen Frauen.

Aus: "Wild und Weise" von Ursula Walser-Biffiger